MANNHEIM: Elektra - WA 27. März 2014

1. Szene

1. Szene

Das Nationaltheater Mannheim (NTM) hat in den letzten Märztagen mit sehr guten Aufführungen der „Elektra“ von Richard Strauss, der „Tosca“ von Giacomo Puccini und einer bemerkenswerten Neuinszenierung von Verdis „Stiffelio“ einmal mehr Zeugnis für seine große musikalische und sängerische Qualität abgelegt. Natürlich wäre es interessant gewesen, die alte Ruth Berghaus-Inszenierung der „Elektra“ zu erleben. Der Streik des Lufthansa-Personals schien dieses Ansinnen zunächst zu gefährden. Aber zum Glück gingen die Flüge der AUA von Wien nach Frankfurt problemlos. In Mannheim angekommen streikte jedoch das Bühnenpersonal des Nationaltheaters. So konnte nur halbszenisch in den interessanten, orientalisch anmutenden Kostümen von Marie-Luise Strandt gespielt werden. Immerhin, es wurde gespielt, und zwar – gewissermaßen im Vorgriff auf die Premiere von „Stiffelio“ zwei Tage später – im Bühnenraum von Roland Aeschlimann. Dies erwies sich jedoch angesichts der sehr guten SängerdarstellerInnen und dem Strauss-versierten Mannheimer GMD Dan Ettinger am Pult als gar keine schlechte Lösung.

Catherine Foster als Elektra

Catherine Foster als Elektra

Es entwickelte sich eine äußerst spannende Aufführung mit einer im rechteckigen, leeren Bühnenraum von Aeschlimann effektvoll changierenden Lichtregie und einer guten, homogen darauf abgestimmten Personenregie. Der große Star und Garant für den Erfolg derzeit wohl jeder „Elektra“-Aufführung war Catherine Foster als Gast. Sie wurde dem Mannheimer Publikum auf einem NTM-Flugzettel mit einem Zitat des Neuen Merker als gefeierte Brünnhilde der letztjährigen Bayreuther Festspiele vorgestellt: „Betörende Klangschönheit in allen Lagen, natürliches Spiel und eine schier unbegrenzte Kondition, vorbildliche Intonation und Wortdeutlichkeit“. Dass es weiterhin so stimmt, konnte Catherine Foster auch an diesem Abend wieder dokumentieren. Sie sang und spielte selbst in den reduzierten szenischen Verhältnissen eine Elektra der Sonderklasse, die man eigentlich nur noch als Weltklasse bezeichnen kann. Auf jedem Ton erfreut man sich ungetrübter Klangfarbe. Bei exzellenter Intonation und stets auf die jeweilige Aussage abgestimmter Mimik ist Foster in der Lage, auch lange Bögen klangvoll auszusingen, Schwelltöne aufzubauen und wieder zurückzunehmen – und dies alles bei jederzeit mit spielerischer Leichtigkeit gesungenen strahlenden Höhen, sowie der erforderlichen Expressivität, wo angezeigt. Sie beherrscht die Bühne von Beginn an, findet aber auch zu großen menschlichen Momenten in der berührenden Erkennungsszene mit Orest, wo sie ein herrliches Legato und viel Gefühl für subtile Zwischentöne offenbart. Man hat den Eindruck, als sei Fosters hochdramatischer Sopran nach der Bayreuth-Brünnhilde 2013 noch weiter gereift und darf gespannt auf den kommenden Festspielsommer sein.

C. Foster und C. Ptassek

C. Foster und C. Ptassek

Edna Prochnik singt eine unter ihrer großen Schuld maßlos leidende, immer noch attraktive und auf eine Zukunft hoffende Klytämnestra mit ihrem weichen und gut geführten Mezzosopran, den sie hier ausdrucksstark artikuliert. Man nimmt ihr im Dialog mit Elektra ihre offenbare Verzweiflung ab und sieht eine trotz der noch einmal aufkeimenden Hoffnung endgültig geschlagene Frau von der Bühne abtreten – von der Vertrauten und Schleppträgerin gestützt. Cornelia Ptassek kann als attraktive und spielstarke Chrysothemis sängerisch nicht ganz auf diesem Niveau mithalten, wird ihr durchaus prägnanter und stimmstarker Sopran doch etwas zu eindimensional und sehr wortundeutlich geführt und neigt in den Höhen zu einer gewissen Schärfe. Edna Prochnik singt eine unter ihrer großen Schuld maßlos leidende, immer noch attraktive und auf eine Zukunft hoffende Klytämnestra mit ihrem weichen und gut geführten Mezzosopran, den sie hier ausdrucksstark artikuliert. Man nimmt ihr im Dialog mit Elektra ihre offenbare Verzweiflung ab und sieht eine trotz der noch einmal aufkeimenden Hoffnung endgültig geschlagene Frau von der Bühne abtreten – von der Vertrauten und Schleppträgerin gestützt. Cornelia Ptassek kann als attraktive und spielstarke Chrysothemis sängerisch nicht ganz auf diesem Niveau mithalten, wird ihr durchaus prägnanter und stimmstarker Sopran doch etwas zu eindimensional und sehr wortundeutlich geführt und neigt in den Höhen zu einer gewissen Schärfe.

Edna Prochnik und C. Foster

Edna Prochnik und C. Foster

Guido Jentjens, ebenfalls als Gast am NTM, gibt einen gesangsbetonten Orest mit seinem klangvollen Bass und guter Resonanz. Er gestaltet mit Catherine Foster die Erkennungsszene zu einem der Höhepunkte des Abends. István Kovácsházi, der im letzten Jahr als Lohengrin am Palast der Künste Budapest überzeugen konnte, singt mit seinem geschmeidigen, lyrisch betonten, aber dennoch zu heldischer Attacke fähigen Tenor einen guten Aegisth, der einem ganz hierzu passenden symbolisch wirkenden Mord zum Opfer fällt. Wie in Trance geht Orest mit seinem Pfleger (gelungenes Rollendebut: Magnus Piontek) mit starr erhobenem, messerbewaffnetem Arm umher… Unter den fünf Mägden besticht besonders Iris Kupke mit guter gesanglicher und dabei expressiver Tongebung. Die Mezzosopranistin Evelyn Krahe fällt dagegen mit einem verquollenen Timbre stark ab. Anna Matyushenko als Aufseherin agiert weitgehend klangfrei und zu deklamativ. Die übrigen Nebenrollen machen ihre Sache weitgehend gut.

C. Foster

C. Foster

Am Pult des National-Orchesters Mannheim sorgte der junge Dan Ettinger für einen „Elektra“-Sound, der kein großes Haus weit und breit in Deutschland zu scheuen braucht. Hier wurden die Akzente stets richtig gesetzt, starke und immer transparente Dynamik sowie Expressivität wechselten mit berührenden Momenten lyrischer Zwischentöne. Die Erkennungsszene zwischen Orest und Elektra konnte Ettinger mit den beiden guten Sängern auf diese Weise zu einem großen Moment der Menschlichkeit formen. Das war eine musikalisch und weitgehend auch stimmlich großartige “Elektra” wie aus einem Guss. Riesenapplaus und viel Brava für Catherine Foster, natürlich auch großer Beifall für Guido Jentjens und Dan Ettinger mit dem Orchester.

Fotos: Hans-Jörg Michel

Klaus Billand