Zu vermeintlichen „Gendergerechtigkeit“ der deutschen Sprache - März 2021

Zur Verteidigung der vermeintlich „gendergerechten“ Sprache wird oft ins Feld geführt, dass Sprachen sich im Laufe der Zeit verändern. Solche Veränderungen kommen aber nur über lange Zeiträume zustande, über Jahrhunderte. Und zwar von innen heraus, ganz wichtig, also von jenen, die diese Sprachen sprechen, von unten nach oben. Seit meinem Abitur 1971 kann ich keine wirklich nennenswerten Änderungen der deutschen Sprache erkennen, weder in der Großschreibung noch in der Wortwahl (bis auf mehr Anglizismen, die auch technologiebedingt sind wie IT etc.) noch in der Interpunktion. Das war vor fast einem halben Jahrhundert. Auch die sog. Rechtschreibreform hat die deutsche Sprache nicht wirklich verändert und sogar sie war bekanntlich sehr umstritten, ja wurde von einigen Medien gar boykottiert. Erfreulich natürlich, dass das Fräulein verschwand. Es gab ja auch nie ein Männlein! Seit 20 Jahren bin ich selbst journalistisch tätig in der internationalen Opernkritik. In der Literatur hat sich auch nichts geändert, auch hat hier die sog. „Gendergerechtigkeit“ nicht Einzug gehalten. Das finden Sie in kaum einem in Deutschland oder Österreich verlegten Buch.

Die eigentlich nur mit einer Aufsetzung zu vergleichende sog. „gendergerechte“ Sprache ist Ausfluss eines politischen Willens mit Ideologiekomponente, der seit relativ kurzer Zeit um sich greift. Es ist ein politisch-bürokratisches Oktroyieren von Änderungen auf die deutsche Sprache, die von einer Minderheit als wünschenswert gesehen und vornehmlich von Moderatoren von TV-Sendungen verwendet und über Gleichstellungsbeauftragte vornehmlich in staatlichen und privaten Institutionen gewissermaßen „von außen“ durch Verordnungen und Vorschriften durchgesetzt werden. Also eine diskretionäre Sprachänderung von „oben“ statt von unten. Und dabei entspricht das nicht einmal dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland. Dort ergab eine Infratest Dimap Studie 2020, dass 56 Prozent der Befragten gegen das „Gendern” sind. Und dabei waren auch Frauen, die sicher auch Bücher lesen oder sich TV-Programme ansehen.

Moderatoren „gendern“ vornehmlich in den Nachrichtensendungen, aber auch jene in Talkshows, immer nur die Moderatoren. Interessant ist nämlich, dass die in Dokumentationen und Interviews Befragten, und seien sie auch aus der avantgardistischen Kulturszene, nahezu nie „gendern” – nur die Moderatoren. Man hat oft das Gefühl, Moderator und Interviewter sprechen verschiedene Sprachen – so wie es Zerbinetta von Ariadne in der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss vermutet… Man könnte aber auch meinen, es handele sich um ein Moderatorenkartell zu Gunsten der vermeintlichen sprachlichen „Gendergerechtigkeit“ gegen den semantischen Mainstream.

Die Sprache wird durch das „Gendern” auch (in ihrer Aussage) verfälscht, was gravierend, aber besonders im Fall der deutschen Sprache auch leicht belegbar ist. Ich habe das schon in meinem Aufsatz zum Thema 2019 geschrieben, den ich hier anhängen darf.

https://www.klaus-billand.com/deutsch/betrachtungen/zu-politischen-themen/gendergerechtigkeit-in-der-deutschen-sprache-maerz-2019.html

Der bekannte Linguist Peter Eisenberg schrieb nach einer Reihe von relevanten Artikeln zum Thema seit 2017 am 8. Januar 2021 in Renovatio – Institut für kulturelle Resilienz einen Aufsatz zum Thema “Die Zerstörung der Sprache durch Gender-Ideologie”, der höchst lesenswert ist:

https://renovatio.org/2021/01/peter-eisenberg-die-zerstoerung-der-sprache-durch-die-gender-ideologie/

Am 9. Juni 2018 schrieb Dichter Reiner Kunze in der Passauer Neuen Presse zum “Sprachgernderismus”.

https://www.pnp.de/nachrichten/kultur/Dichter-Reiner-Kunze-Sprachgenderismus-ist-eine-aggressive-Ideologie-2971049.html

Am 10. April 2019 schrieb Josef Bayer, emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz, in der Neuen Zürcher Zeitung zu den linguistischen Denkfehlern bei der geschlechtergerechten Sprache.

https://www.nzz.ch/feuilleton/die-geschlechtergerechte-sprache-macht-linguistische-denkfehler-ld.1472991

In diesen Artikeln wird eigentlich alles erklärt und auf die Konsequenzen hingewiesen, die das „Gendern” in der deutschen Sprache bewirken wird: Ihre Verarmung. Ich würde sogar sagen, ihre Verhunzung!

Immer wieder stellt man nun fest, dass Moderatoren in einer Nachrichtensendung ein Substativ, das sowohl Frauen wie Männer umfasst, mit der Endung -innen gebrauchen, ohne den an sich vorgesehene sog. Glottisschlag, also eine kurze die Sprechpause, zu machen. Damit wird ein klarer Verständnisfehler produziert. Es wird damit versucht, das sog. „Gendersternchen“ oder das „Binnen I“ auszusprechen, was phonetisch nicht geht, womit das auf „-innen“ endende Substantiv wie ein durchgehendes Wort gesprochen wird. Damit unterstellt der Moderator automatisch, dass mit der Aussage nur Frauen gemeint sind. Es ist aber aus dem Zusammenhang offensichtlich, dass Frauen und Männer gemeint sind (was im Schriftbild durch das „Gendersternchen“ oder das „Binnen I“ im Prinzip sichtbar wäre). Diese Formulierung ist also eine ernstzunehmende Verfälschung der Sprache und ihrer Ausdrucksfunktion. Wenn das weiter um sich greift, muss man annehmen, dass Dinge oder Sachverhalte nur noch Frauen betreffen und die Männer ausgeschlossen sind. Schlichte Fehlinformation! An der Universität Leipzig hat man offenbar beschlossen, dass die Professoren in der weiblichen Form, also als Professorinnen, angesprochen werden, auch wenn es sich um Männer handelt. Ein weiterer möglicher Fall, der zum Nachdenken anregt: „Die Soldatinnen wurden auf der ganzen Front zurückgeschlagen.“

Dabei ist es doch ganz einfach. Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt die deutsche die sog. markierte Form bei der weiblichen Ausdrucksweise. Der Linguist Roman Jakobson (1896–1982) kreierte den Begriff der Markiertheit. Diese wird dadurch dokumentiert, dass bei der weiblichen Form des Substantivs immer ein -in oder im Plural ein -innen als Suffix anhängt. Die männliche Form hat eine solche Markierung nicht. Bei: Ich gehe zum „Arzt“ oder „die Ministerpräsidenten“ kann es sich sowohl um Männer wie um Frauen handeln; es wäre reiner Zufall, wären es nur Männer. Angesichts dieser Nichtmarkierung des Männlichen könnte man sogar sagen, dass das männliche Geschlecht in der deutschen Sprache gegenüber dem weiblichen benachteiligt ist.

Nun wird aber in der Un-Markiertheit des männlichen Geschlechts fälschlicherweise das sog. „generische Maskulinum“ geortet, welches im Prinzip der Hauptanstoß für die ganze Debatte um mangelnde Gendergerechtigkeit in der Sprache ist. In Wahrheit handelt es sich aber um eine generische Form, die zwar das Männliche, aber auch das Weibliche und weitere Geschlechterformen, die sich in dieser Zeit herauszubilden scheinen, umfasst. Die generische – nur vermeintlich männlich wirkende – Form macht also auch das sog. „Gendersternchen“ überflüssig, welches den Anspruch erhebt, alle nur denkbaren Geschlechterformen zu inkludieren (Stichwort „Inklusion“). Es würde in diesem Sinne allenfalls in der Schriftsprache Sinn machen, wenn man es an das Ende des zu gendernden Wortes setzte, also wie bei “die Studenten*”, jedoch ohne das Suffix -innen.

Wer also unbedingt das …-in und …-innen anhängen will, oder Binnen I oder Ähnliches wie das „Gendersternchen“ einbringt, um vermeintlich „gendergerecht“ zu formulieren, beweist vielmehr, dass er die deutsche Sprache und ihre lange gewachsenen Strukturen nicht vollumfänglich versteht oder aufgrund einer ideologischen Mission oder kognitiver Wahrnehmungen auf dieses Verständnis bewusst verzichtet. Interessanterweise negiert nun auch der deutsche Duden diese Realitäten und bringt entsprechende Vorschläge zum Gendern heraus – obwohl dessen Chefredakteurin zugibt: „Wie man richtig gendert, kann ich nicht so einfach beantworten.“ Ob damit der Duden seine bisherige Qualität als ultimative Referenz für die deutsche Sprache behält, darf zumindest mittelfristig bezweifelt werden.

Wenn man es etwas überspitzt formulieren wollte, wäre sogar zu sagen, dass sich jene, die auf „Gendergerechtigkeit“ pochen, mit dem zwanghaften Anhängen von -in und -innen an die von ihnen vermeintlich für biologisch maskulin gehaltene Form – von zumeist Berufsbezeichnungen – auf -er (die aber de facto eine generische ist) gar keinen Gefallen tun. Denn sie formulieren wieder nicht gendergerecht: Das Weibliche wird lediglich zum semantischen Anhängsel des (vermeintlich) Männlichen, also einem Suffix… Im Übrigen wird von ihnen völlig vergessen oder verschwiegen, dass es auch vermeintlich weibliche Formen gibt, z.B. die Leiche, die Person et al.

Es gäbe aber einen Vorschlag zur Güte: Man könnte bei der ersten Gelegenheit oder einmal im Text einfach …-innen und …-er bei einem relevanten Substantiv sagen. Aber bitte ohne den Glottisschlag, der ohnehin mit der Zeit wieder verschwinden wird, weil niemand eine solch mechanistische Sprachkonstruktion auf die Dauer aushält und sprechen wird, nicht einmal die TV-Moderatoren. Hier wird die Sprachökonomie mit ihrer Erosion von Ungereimtheiten sicher ihre Wirkung zeigen. Im Rest des Beitrags bleibt man dann bei der bisher üblichen, auch in der Literatur maßgebenden generischen Form. Tagtäglich ist festzustellen, dass dies ohnehin schon so gemacht wird. Denn ein ständiges, gewissermaßen durchkomponiertes Enden auf …-in oder …-innen würde Zuhörer und Leser in den semantischen Wahnsinn treiben und mehr Text und damit Platz kosten, ohne dass Substanz hinzukäme.

Womit wir bei einer weiteren Regel wären, gegen die die vermeintlich „gendergerechte“ Sprache ebenfalls verstößt, eben der Sprachökonomie. Sprachen entwickeln sich nach der Regel, so ökonomisch wie möglich zu sein. Das „Gendern“ mit in der Regel erhöhter Wortzahl spreizt den Text signifikant auf, ja bläht ihn auf, ohne inhaltliche Substanz hinzuzugewinnen. Das wird auch einer der Gründe sein, warum es in der Literatur nicht vollzogen wird. Allein von daher wird das „Gendern“ insgesamt auf lange Sicht im allgemeinen Sprachgebrauch wohl wieder erodieren zugunsten einer ökonomischeren Sprache – einfach durch den täglichen Sprachgebrauch. Am Ende könnte man dann frei nach Shakespeare sagen: „Viel Lärm um nichts.“

Und haben sich die Befürworter des „Genderns“ einmal gefragt, wie ein Ausländer dann die deutsche Sprache lernen soll?! Wir leben in der Staatengemeinschaft der EU und sollten auch darauf erpicht sein, dass die deutsche Sprache erlernbar bleibt. Deutsche und Österreicher führen in der EU meist die Touristenstatistiken an…

Es gibt aber noch etwas ganz Verblüffendes:

Das alte Englisch, das wesentlich komplexer war, hatte drei Geschlechter wie heute das Deutsche.

Die altenglische Endung – ere für jemanden, der etwas macht, war maskulin. Daraus wurde später -er (teacher, singer, lover etc.) oder Deutsch; Lehrer, Sänger, Liebhaber. Die altenglische Feminin-Endung dazu war – estre.
Die Feminin-Endung – estre verschwand später fast komplett, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z.B.“seamstress”, so dass im heutigen Englisch nur noch die Maskulin-Endung -er existiert oder -or bei Wörtern, die aus dem Französischen bzw. Lateinischen kommen (professor, actor, doctor etc.).
Das moderne Englisch hat also bei Berufsbezeichnungen, (um die es ja im Genderdeutsch im Wesentlichen geht), nur noch eine Maskulin-Endung, die für alle gilt und auch generell akzeptiert ist.

Andererseits legen die englischen Schauspielerinnen Wert darauf, als “actor” angeredet zu werden und nicht als “actress”, was als abwertend gilt.
Es ist also nicht so, wie vielfach positiv herausgestellt wird, dass das moderne Englisch kein Gender hätte und damit gerechter wäre, ganz im Gegenteil, es hat nur das Maskulinum!

Im Deutschen ist das Weibliche mit einer eigenen Feminin-Endung (-in), mit der sog. Markierung, also privilegiert. Auch in den romanischen und slawischen Sprachen haben sie diesen Vorzug.
https://en.wikipedia.org/wiki/Old_English_grammar

Es geht mir bei dieser Thematik um etwas ganz Wesentliches: Die Beibehaltung der Schönheit und Klarheit der deutschen Sprache, so wie sie sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Und da wirkt die Oktroyierung einer vermeintlichen „Gendergerechtigkeit“, die de facto gar keine ist, sowie die verschiedenen Erscheinungsformen, wie „Gendersternchen“ und andere Sonderzeichen, wie ein krasser Fremdkörper an der Sprache.

Ich möchte in dem Zusammenhang noch an den Turmbau zu Babel im Alten Testament erinnern, eine schöne und hier durchaus passende Geschichte. Die Menschen wollten im Stile einer Selbstüberhöhung mit einem immer höheren Bau des Turms Gott gleichkommen. Bekanntlich strafte er sie durch die babylonische Sprachverwirrung, die dazu führte, dass sie sich nicht mehr verständigen konnten….

Klaus Billand