Lübeck: Elektra - NI 11. November 2012

Markus Ahme als Ägisth

Markus Ahme als Ägisth

Auf den ersten Blick mutet das einfache Kabinett, in dem Elektra in der „Elektra“-Neuinszenerierung von Reto Nickler am Theater Lübeck von den Geschehnissen im Atridenpalast völlig abgeschlossen haust, befremdlich an. Meist wird sie im Mittelpunkt des Geschehens gezeigt. Es ist aber interessant, wenn man mit dem Dramaturgen Sascha Mink einmal in die Regieanweisungen von Hugo von Hofmannsthal schaut, wo er für sein Drama „Elektra“ exakte Angaben zu Bühnenbild, Kostümen und Lichtregie machte. Da steht: „Dem Bühnenbild fehlen vollständig jene Säulen, jene breiten Treppenstufen, alle jene antikisierenden Banalitäten, welche mehr geeignet sind, zu ernüchtern als suggestiv zu wirken. Der Charakter des Bühnenbildes ist Enge, Unentfliehbarkeit, Abgeschlossenheit.“ Und zur Beleuchtung: „Das Innere des Hauses liegt zunächst ganz im Dunkel, Tür und Fenster wirken als unheimlich schwarze Höhlen. … Es ist ein Element der Stimmung, dass es in diesem traurigen Hinterhof finster ist…“ Und: „Die Kostüme schließen gleichfalls jedes falsche Antikisieren sowie auch jede ethnographische Tendenz aus.“

An diese Regienanweisungen haben sich Nickler und sein Team mit dem Bühnen- und Kostümbildner Hartmut Schörghofer, dem Beleuchter Falk Hampel und den Videos von Volker Hahm genau gehalten und damit eine zwar optisch profane, aber äußerst packende „Elektra“ auf die Bühne gestellt, die einem manchmal den Atem nahm und mit ihrem dramatischen Realismus und psychologischen Intensität ein großer Wurf wurde. Roman Brogli-Sacher, der scheidende Lübecker GMD, trug mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck und einem mitreißenden, alle Facetten der großartigen Partitur zum Leuchten bringenden Dirigat zu diesem beachtlichen Erfolg bei.

Von Beginn an dreht sich alles um die Rachephantasien Elektras, die sie mit dem Armeemantel und der Schiebermütze ihres ermordeten Vaters Agamemnon cool und absolut zielgerichtet in ihrem kleinen Zimmer kultiviert. Wer von oben aus dem finsteren Palasthof, der mit einem schräg zum Publikum gerichteten Riesenspiegel bis in die Tiefe der Bühne wahrnehmbar ist, zu ihr hinunter will, muss über einen Kleiderschrank steigen, in dem sie die letzten Habseligkeiten ihres Vaters verwahrt. Erst Orest wird später die Wände durchbrechen. Zuvor hatte man den Schrank und die Badewanne, in der ihr Vater ermordet wurde, achtlos und mit großem Lärm zu ihr, der Outlaw in Mykene, hinunter geworfen. Den Fluch der Atriden trägt ein junges Mädchen (Nelly Ramadan), das immer wieder auf der Bühne auftaucht, in einem Geigenkoffer herum. Er entpuppt sich als das Beil, das Elektra scheinbar nicht umsonst vergisst, Orest zu gegeben. Denn es geht nach vollbrachtem Mord an ihrer Mutter und Ägisth am Ende auf Orest über – eine beklemmende Szene mit einem existentiellen Schreck auf dessen Gesicht, mit dem er bei den Schlusstakten auf Elektra blickt…

Was sich dazwischen abspielt, ist bei Nickler ein raffiniert ausgetüfteltes, aber in sich stimmiges psychologisches grausames Spiel, in dem er die Protagonisten in einer so klar akzentuierten Weise zeigt, wie man sie in dem Meisterwerk von Richard Strauss auf der Opernbühne kaum je sieht. Neben der als kühler Racheengel gestylten Elektra, die nur einmal in der Erkennungsszene mit Orest einen Augenblick menschliche Gefühle erkennen lässt, ist ihre jüngere Schwester Chrysothemis als Punkerin das blühende und leibhaftige Abbild des leben und genießen Wollens. Stärker könnte optisch wie dramaturgisch der emotionale Kontrast zu ihrer älteren Schwester nicht sein. Wunderbar zeigt Nickler aber auch, dass Chrysothemis für Elektra Verantwortung übernimmt, da diese unfähig ist, ihr Leben und den Alltag zu meistern. Sie ist für ihn eine sinnliche Frau, die ihr Frausein leben will. Das zeigt Manuela Uhl stimmlich und darstellerisch mitreißend. Mit ihrem höhensicheren, durchschlagskräftigen und jugendlich dramatischen Sopran sowie ihrem emphatischen Spiel bringt Uhl ungeahnte Facetten in diese von der Regie bisweilen stiefmütterlich behandelte Rolle ein. Sie ist hier tatsächlich die von R. Strauss so bezeichnete „Lichtgestalt der irdischen Schwester“.

Markus Ahme mit Catherine Foster

Markus Ahme mit Catherine Foster

Aber auch ihre Mutter Klytämnestra ist in Lübeck ganz anders zu erleben als gewohnt. Der Dramaturg erinnert daran, dass sie eine Schönheit gewesen sein muss, immerhin war sie die Halbschwester der schönen Helena. Auch Strauss bezeichnete sie als „keine alte verwitterte Hexe, sondern eine schöne, stolze Frau von fünfzig Jahren, deren Zerrüttung eine geistige, keineswegs körperlicher Verfall“ sei. Und als das zeigt das Regieteam Klytämnestra, und darüber hinaus auch, dass sie eine hochsensible Frau ist. Die Opferungen von Menschenleben, die sie in immer höherer Frequenz vollziehen lässt, um die Götter angesichts des nie verarbeiteten Mordes an ihrem Gatten gütlich zu stimmen, inszeniert sie mittlerweile als Kunsthappenings. Die Tötungen werden gewissermaßen ästhetisiert: Man wickelt die Opfer gleich reihenweise in weißes Tuch ein. Durch den Spiegel auf dem Palasthof sind gleich acht in einem Durchgang bis zum qualvollen Ersticken auf einem weißen Tuch zu erleben. Ihr unblutiger Todeskampf ist in der Tat beklemmend – wohl aber nicht mehr für Klytämnestra: In elegantem Outfit, als wolle sie auf ein Festbankett gehen, übergießt sie die Leichen mit dezenten Farben, sodass sie am Ende wie ein großes surrealistisches Bild anmuten. Ein unglaublicher optischer Eindruck! Die hervorragende österreichische Mezzosopranistin und Fricka des großartigen Lübecker „Ring“, Veronika Waldner, spielt dieses Rollenprofil tiefster Depression beeindruckend und hat die dazu erforderliche Klangfarbe und intensive Ausdruckskraft. Ihr finales Gespräch mit Elektra wird zu einem Höhepunkt des Abends. Ihr darauf folgender Tod bedeutet eine Erlösung für beide… C. G. Jung schuf in Analogie zu Freuds Ödipus-Komplex den „Elektra-Komplex“, eine übermäßige Fixierung der Tochter auf den Vater bei gleichzeitigem Hass auf die Mutter. Das haben Nickler und Mink in dieser Produktion eindrucksvoll und schlüssig gezeigt!

Catherine Foster bewies mit einer stimmlich überragenden, auf schier unerschöpfliches vokales Potenzial zurückgreifenden Elektra einmal mehr ihre Weltklasse-Qualität bei der Interpretation dieser schweren Strauss-Partie. Zum stimmlichen Format kommt noch eine fast instinktiv wirkende und damit äußerst authentisch anmutende Mimik hinzu. Das macht ihr in dieser Gesamtheit momentan niemand nach – eine Klasse für sich. Die drei Damen-Hauptrollen hat der Rezensent zuletzt in Hamburg 1971 unter Karl Böhm auf diesem Niveau erlebt (damals Birgit Nilsson als Elektra, Astrid Varnay als Klytämnestra und Leonie Rysanek als Chrysothemis!).

Der Orest von Gerard Quinn, vor einigen Wochen hier noch als Amfortas zu hören, fiel gegen dieses Terzett stimmlich und auch darstellerisch etwas ab. Aber auch viele der kleineren Rollen konnten gefallen und gar glänzen. Dazu gehört der mit heldisch tenoralen klängen aufwartende Ägisth von Markus Ahme, die Luxusbesetzung der 3. Magd mit der polnischen Mezzosopranistin Wioletta Hebrowska, aber auch Anne Ellersiek als außerordentlich starke 5. Magd. Rebekka Reister als 1. Magd, Kristina Fehrs a.G. als 2. Magd, Oksana Pollani als 4. Magd, Imke Looft als Aufseherin und Vertraute, Natasha Young als Schleppträgerin, sowie Patrick Busert als junger und Ivan-Lovric Caparin als alter Diener komplettierten ansprechend das insgesamt exzellente Ensemble mit dem von Joseph Feigl einstudierten Chor des Theaters Lübeck.

Dieses relativ kleine Haus hat mit der „Elektra“ einmal mehr seinen weit über die Region Norddeutschland hinausgehenden Anspruch auf höchste Qualität bei Wagner und R. Strauss manifestiert. Es ist zu hoffen, dass die musikalische Qualität nach Brogli-Sacher auf diesem Niveau weitergeführt werden kann.

Fotos: Thorsten Wulff

Klaus Billand