München: 61. Internationaler Musikwettbewerb der ARD München - 6. bis 21.9.2012 - Zwischenbericht Gesangswettbewerb

1. Preis: Olena Tokar (Ukraine), 2. Preis: Hansung Yoo (Südkorea), Publikumspreis

1. Preis: Olena Tokar (Ukraine), 2. Preis: Hansung Yoo (Südkorea), Publikumspreis

Seit dem 7. September ist der Gesangswettbewerb im Rahmen des 61. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD München im Gange, der diesmal auch die Fächer Streichquartett und Klarinette umfasst. Wieder erfreut sich dieser traditionsreiche Wettbewerb großer Beliebtheit. Unter vielen anderen gingen Jessye Norman, Thomas Quasthoff, Simon Estes, Ileana Cortrubas, Robert Holl und Marina Prudenskaja als Preisträger hervor. Der Künstlerische Leiter Axel Linstädt kann 480 Bewerbungen (darunter 193 SängerInnen) aus 60 Ländern und fünf Kontinenten vermelden, mit einem Ausländeranteil von fast 86%. 230 junge MusikerInnen wurden von einer Vor-Jury zum Wettbewerb zugelassen, insgesamt 126 SängerInnen (mit CD-Einreichungen), mit dem größten Anteil aus Südkorea, vor Deutschland. Die 1. und am 11. September abgeschlossene 2. Runde des Gesangswettbewerbs fand an der Münchner Musikhochschule statt. Der Grosse Saal bot optimale Bedingungen für die jungen Musiker mit Klavierbegleitung. Das Publikumsinteresse war äußerst rege, am Schlusstag des 2. Durchgangs gab es sogar Platznot in dem großen Saal!

Olena Tokar, Hansung Yoo, Dashon Burton (USA) 2. Preis

Olena Tokar, Hansung Yoo, Dashon Burton (USA) 2. Preis

Unter der Vorsitzenden Brigitte Fassbaender besteht die Jury aus Juliane Banse (Deutschland), Konrad Jarnot (Großbritannien), Tom Krause (Finnland), Pal Moe (Norwegen), Cristoph Prégardien (Deutschland) und Edith Wiens (Kanada). Zur Teilnahme berechtigt waren SängerInnen aller Nationen der Jahrgänge 1980 bis 1992, also bis max. 32 Jahre. Für den 1. Durchgang konnten bis zu drei Stücke freier Wahl gesungen werden, die jedoch eine Arie oder ein Lied von W. A. Mozart beinhalten mussten, dazu eine Opern- oder Oratorienarie aus der Romantik.

2. Preis: Sumi Hwang (Südkorea) 2. Preis: Anna Sohn (Südkorea)

2. Preis: Sumi Hwang (Südkorea) 2. Preis: Anna Sohn (Südkorea)

Das Niveau des Gesangswettbewerbs ist allgemein sehr hoch. Die Quote der für eine solche Endrunde ungeeigneten SängerInnen blieb in der statistischen Insignifikanz. Hier waren großartige Stimmen zu hören, mit enormem Entwicklungspotenzial! Allen voran die Südkoreaner, die praktisch den Wettbewerb beherrschen, und zwar sowohl bei den Sopranistinnen, den Baritonen und sogar auch im Mezzofach. Unter den 124 SängerInnen (2 Absagen) des 1. Durchgangs stellten sie allein 30, also fast ein Viertel, im 2. Durchgang waren es noch 11 von 28, also fast 40%. Im Semifinale, das am 14. September im Prinzregententheater stattfinden wird, stellen sie noch 6 von 12 Teilnehmern, also die Hälfte. Damit hat sich der südkoreanische Anteil von Durchgang zu Durchgang signifikant gesteigert. Und zu Recht, denn was Sopranistinnen wie Anna Sohn im Koloraturfach, Sumi Hwang im lyrischen Sopranfach, Eun-Kyong Lim als glut- und charaktervolle Mezzo-Sopranistin, sowie Hansung Yoo als expressiver, klangvoller Bariton bei bester Phrasierung und Diktion sowie Kyubong Lee als Bariton mit blendenden Höhen und charaktervollem Ausdruck zu Gehör brachten, war eine Klasse für sich. Die ausgesprochen klangschöne und perfekt intonierende Sophia Christine Brommer im lyrisch dramatischen Sopranfach mit sehr guter Technik, sowie die kraftvolle, gut phrasierende Anne-Theresa Moeller, beide aus Deutschland, können auf ihre Weise auf Augenhöhe mithalten. Die Ukrainerin Olena Tokar wartet im Sopranfach mit beeindruckender Höhe und leuchtenden Farben auf, während Stanislaw Kierner aus Polen mit einem lyrisch-dramatisch Bariton feinster Artikulation und strahlender Höhe glänzt. Der US-Amerikaner Dashon Burton hat einen markanten Bariton, der eher für das Oratorienfach und Gospel geeignet scheint. Unter ihnen werden die Preisträger wohl zu finden sein. Auffällig ist, dass es weit mehr weibliche als männliche Kandidaten gibt und sehr wenige Tenöre. Unter den 12 Semifinalisten stehen nur noch vier Männer.

3. Preis: Sophia Christine Brommer (Deutschland), Publikumspreis

3. Preis: Sophia Christine Brommer (Deutschland), Publikumspreis

Fast genauso interessant wie die guten bis exzellenten gehörten Leistungen ist aber auch das, was (leider) nicht zu hören und zu sehen war. Keine SängerIn aus dem Mutterland der Oper, Italien, abgesehen von einer sehr guten Chilenin, die auch unter italienischer Flagge lief, nur zwei SängerInnen aus Frankreich, obwohl von vielen KandidatInnen französisches Fach gesungen wurde, und niemand aus Österreich nahm an diesem Wettbewerb teil! Das weckte beklemmende Gefühle – immerhin haben all’ diese Länder eine enorme Gesangs- und Operntradition. Ebenso und für Interessierte noch bedenklicher ist aber folgende Feststellung: Unter den 124 SängerInnen hatten nur zwei überhaupt einen Wagnertitel angegeben. In der Tat hat im 1. Durchgang niemand Wagner gesungen, im 2. Durchgang, und damit nach 146 Sänger-Auftritten und über 170 gesungenen Titeln hat gerade einmal einer das „Lied an den Abendstern“ aus „Tannhäuser“ intoniert und ist damit nicht weiter gekommen… Nun mag die Verpflichtung, eine Mozart-Arie oder ein Lied von ihm zu singen, ein Hemmnis für angehende Wagnerstimmen sein – eigentlich aber nicht. In den jungen Jahren von 20 bis 32 sollte eine sich entwickelnde Wagner-Stimme auch noch Mozart singen können. Wo blieben also „Dich teure Halle…“, „Einsam in trüben Tagen…“, „Winterstürme wichen dem Wonnemond…“, „Am stillen Herd…“, „Immer ist Undank Loges Lohn…“ et al. in diesem Wettbewerb?! Absolute Fehlanzeige! Es steht also auch in der Jugend offenbar schlecht um die Zukunft des Wagnergesangs, und das kurz vor dem Jahr seines 200. Geburtstags, in dem allerorten Wagner gegeben werden wird… Die Tatsache, dass parallel zu einem offenbar florierenden südkoreanischen Sängernachwuchs bei wahrscheinlich entsprechender Förderung von staatlicher Seite (wenn auch nicht gerade für das Wagner- und R. Strauss-Fach) eine immer geringer werdende Bereitschaft junger deutscher, französischer, italienischer und österreichischer SängerInnen bei gleichzeitig offenbar völlig unzureichender staatlicher bzw. Begabtenförderung zu verzeichnen ist, sollte bei den Verantwortlichen in Politik und Kunst die Alarmglocken schrillen lassen! Hier besteht zumindest nach den Erkenntnissen dieses internationalen Gesangswettbewerbs absoluter Handlungsbedarf. Man kann gespannt sein, was der Wagner-Gesangswettbewerb Mitte Oktober unter Leitung von Eva Wagner-Pasquier in Karlsruhe zeigen wird, in dessen Semifinale immerhin 16 WagnersängerInnen stehen. Höchstalter dort: 30, oder für Kandidaten am Beginn einer Bühnenkarriere 35. Am Alter kann’s also nicht liegen…

Fotos: Klaus Billand

Klaus Billand

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