Heidenheim/Opernfestspiele: Otello NI am 17. Juli 2026
Eine ungewöhnliche Aktualisierung…
Neben einem neuen „Macbeth“ inszenierte die aus Pesaro stammende und künstlerisch avantgardistische Italienerin Rosetta Cucchi dieses Jahr den „Otello“ neu. Gerhard Herfeldt lieferte dramaturgische Unterstützung. Cucchi wählte ein nicht historisierendes Regiekonzept und verlegte das Geschehen in ein Rocker-Milieu unserer Tage.
Otello ist der „Ober-Rocker“, der Gruppen-Leader, Jago ein bedeutender zweiter Mann und Strippenzieher in der jovialen Truppe, die wilde, ja nahezu ekstatische Tänze vollzieht. Da geht es hoch her in der für das Milieu üblichen Bekleidung (Claudia Pernigotti). Die Herren tragen kampfbetonte Gesichtsbemalungen, die wohl an animistische afrikanische Stammes-Usancen erinnern sollen, aus deren Umfeld der „Moor“ Otello ja ursprünglich stammt.
Desdemona ist ein Mädchen aus gutem Hause, das wohl aufgrund ihrer Liebe zu Otello zu der Gruppe gestoßen ist. Cucchi zeigt sie als eine mit all ihren Gefühlen – die eben auch das Gerechtigkeitsgefühl für Cassio umfassen – authentisch um ihre Liebe kämpfende Frau. Erst ganz am Schluss, im 4. Akt, verzweifelt sie – entsprechende Bilder erinnern an ihre unbeschwerte glückliche Jungend.
Im Rahmen einer sehr guten und bis ins letzte Detail gehenden Personenregie wird Otello im Bühnenbild von Matthias Kronfuss, im Lichtdesign von Hartmut Liztinger als ein Mensch gezeigt, der wie bei einem Albtraum ständig unter dem Druck steht, performen zu müssen. Denn Respekt wird ihm nicht aufgrund seines Standes, sondern nur aufgrund seiner Erfolge gezollt.
Das führt zu seiner inneren Unsicherheit, die ihn anfällig für die Ränke Jagos macht, der sich an ihm für eine nicht gewährte Beförderung rächen will und das in dieser Inszenierung mit nachhaltiger Intensität vollzieht. Damit betont das Regieteam die psychologische Komponente dieses tiefgründigen Werkes und lässt das Publikum an einem gnadenlos in die Katastrophe führenden Geschehen teilhaben, das keinen Blick ins dennoch erhellende Programmheft erfordert.
Leider gibt es beim langen Monolog von Desdemona an ihrem Sterbebett im 4. Akt einen grässlichen Ausrutscher ins entfremdende Regietheater. Sie tippt auf ihrem Handy noch schnell ein paar Whatsapp-Messages (!) an ihre Mutter, die auch antwortet. Damit wird ihr so wundervoller „Gesang an die Weide“ der Plakativität einer zweifelhaften szenischen Lösung geopfert.
Sung Kyu Park singt den Otello mit viel Kauft, erreicht durchaus die Spitzentöne, lässt aber die letzte tenorale Leichtigkeit vermissen. Marian Pop ist ein hervorragender Jago in vokalen und darstellerischen Belangen. Camille Schnoor gibt eine wunderbar intonierende Desdemona mit abgedunkelten Klangfarben in der Mittellage und feiner Phasierung. Johannes Maria Wimmer ist ein Respekt gebietender Lodovico und Julia Rutigliano eine sehr prononcierte und mit kraftvollem Mezzo singende Emilia.
Der Künstlerische Direktor der OH, Marcus Bosch, dirigierte die Stuttgarter Philharmoniker und den exzellenten Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn unter der Leitung von Petr Fiala. Bosch verstand es, dem Stuttgarter Ensemble bei guten Tempi einen klassischen und festspielreifen Verdi-Sound zu entlocken.
Fotos: Oliver Vogel
Klaus Billand





