Zum Spielplan 2020/21 der Wiener Staatsoper unter der neuen Direktion Bogdan Roščić - 26. April 2020

Bogdan Roščić

Bogdan Roščić

Nun ist sie also bekannt, die erste Saison unter der neuen Staatsopern-Direktion von Bogdan Roščić. Und der erste Eindruck ist zumindest für mich ein rundum positiver. Meine folgenden Kommentare basieren nur auf dem Saison-Buch 2020/21, da ich ORF III hier auf Teneriffa nicht empfangen kann. Zunächst einmal ist es erfreulich, dass ein Haus wie die Wiener Staatsoper nun mit zehn Premieren aufwartet, statt der mageren fünf bisher, auch wenn dabei mehrere keine Neuinszenierungen sind. Aber, was soll’s?! Warum kann man etwas anderswo Gelungenes nicht auch für das Gros des Wiener Publikums als Neues anbieten?! Das ist mir sogar viel lieber als eine Wiener Neuinszenierung, die so daneben geht wie neulich die „Leonore“ von Amélie Niermeyer oder 2017 der „Parsifal“ von Alvis Hermanis, mit der man unter Wiener Normalbedingungen etwa zehn Jahre leben müsste. (Ich habe mich immer schon gefragt, warum man am Ring nicht mal nach Linz geschaut hat, die so viele Neuinszenierungen bringen und damit auch noch Erfolg haben).

Als Freund des Wagnerschen Oeuvres wäre ich mit dem Kommentar zum aktuellen Wiener „Parsifal“ auch schon bei meiner sicher eingeengten Betrachtung des Spielplans, zu dessen vollständiger Beurteilung andere sicher viel berufener sind. Es ist sehr zu begrüßen, dass dieser verklemmte, langweilig bis nervige und dennoch wohl sehr teuer gewesene Hermanis-Steinhof-„Parsifal“ nun wieder verschwindet. Gegen ihn war sogar der Mielitz-Vorläufer streckenweise eine szenische Offenbarung – trotz der dort immer wieder aufscheinenden DDR-Aufarbeitung, die es damals allerdings auch schon fast 15 Jahre nicht mehr gab. Dass eine Produktion in Wien schon nach nur drei Jahren zurück gezogen wird, ist nicht mal in Bayreuth möglich, wo es frühestens nach vier Jahren geht, früher immer erst nach fünf oder sechs.

Erfreulich wäre es m.E. gewesen, statt des „Tristan“ in der folgenden Saison auch gleich den zweiten „Steinhof-Wagner“, den unsäglichen „Tannhäuser“ des auf verkopften Psycho-Inszenierungen mit regelmäßiger Personenverdoppelung stehenden Claus Guth zu entsorgen. Aber vielleicht hält man sich das ja für später vor. Erfreulich finde ich, dass der eigentlich auch nicht mehr anzusehende 08/15 „Ring“ von Sven-Eric Bechtolf langsam abgebaut zu werden scheint. Oder wie ist die alleinige Aufführung der „Walküre“ zu verstehen?! Bei mir ist natürlich der Vater des Gedankens, dass man hoffentlich begonnen hat und schon weiter gediehen ist, an einer Neuinszenierung des „Ring“ zu arbeiten. Es wäre nur zu schön, um wahr zu sein, denn das ist absolut wünschenswert. Ein Haus wie das am Ring kann bzw. sollte sich kaum eine oder zwei Saisonen ohne Wagners Tetralogie genehmigen, wo doch an anderen großen Häusern und auch mehreren B-Häusern zum Teil recht gute und auch bessere zu sehen sind. Im Zuge der von Bogdan Roščić selbst so formulierten „Erneuerung des Wagner-Repertoires“ sollte er sodann auch mittelfristig an den Bierhumpen-„Lohengrin“ von Andreas Homoki gehen, den man auch nur noch aushalten kann, wenn die Ersten ihres Fachs auf der Bühne und am Pult stehen.

Ebenfalls

Ebenfalls

Das neue Team hat bei den Opern-Premieren bedeutende Vertreter der ersten Liga der Regisseure verpflichtet bzw. für die WA hergeholt, wie Neuenfels, Tcherniakov, Wieler/Morabito, Bieito, Stone, Kosky und Serebrennikov, der bekanntlich unter ungewöhnlichen Bedingungen arbeiten muss und dessen „Parsifal“ damit erst recht zu einem interessanten Interpretationsversuch werden könnte. Bei Frank Castorf für „Faust“ kann man sich auf seinen Ausstatter Aleksandar Denic freuen, ohne dessen Bühnenbilder, für die er völlig zu Recht auch prämiert wurde, der Bayreuther Castorf-„Ring“ sich wohl nicht lange hätte halten können. Castellucci und Warlikowski würden sich noch empfehlen, aber das kann ja noch kommen… Castellucci mit dem neuen „Ring“?!

Äußerst erfreulich ist, dass Günther Groissböck nun doch schon bald als „Walküre“-Wotan debutieren kann, nachdem es wegen der Covid 19-erzwungenen Absage der Bayreuther Festspiele ja nicht dazu kommen konnte und er damit auch endlich den Wiener „Haus-Wotan“ ablöst. Ob Martina Serafin eine „Walküre“-Brünnhilde sein kann, wäre wohl erst noch abzuwarten. Gespannt kann man natürlich sein auf die Kundry von Elina Garanca, den Amfortas von Ludovic Tézier. Erfreulich ist auch der Parsifal von Jonas Kaufmann, der ihn ja schon in München 2018 und, wie ein eifriges Merker-Forums-Mitglied richtigerweise gleich heute früh anmerkte, auch schon in Zürich 2006, New York und Wien 2013, Sydney 2017 (konzertant) gesungen hat. Sein erneuter Wiener Parsifal ist somit, de facto, keine Überraschung.

Was Richard Strauss betrifft, freue ich mich auf die Prudenskaya als Herodias und Evgeny Nikitin als Jochanaan. Mir fehlt unter den neuen Sängerinnen aber Elisabet Strid – was nicht ist, kann ja noch werden, sollte in diesem Fall ganz sicher noch werden. Hocherfreulich ist jedenfalls, dass – wie eh schon bekannt war – die großartige „Elektra“ Produktion von Harry Kupfer zurückkehrt. Sie hat das Zeug, eine Kult-Produktion ähnlich wie die Wallmann „Tosca“, die Barlog „Salome“ oder der Schenk „Rosenkavalier“ zu werden. Gott allein weiß, warum die weg „musste“… Zweifel habe ich allerdings, ob Ricarda Merbeth nach ihrer Brüsseler Isolde und Madrider Walküre (Rezensionen auf dieser Website) sowie Ausrine Stundyte die beste Wahl für die Elektra sind. Ich lasse mich aber gern überraschen!

Was die Wallmann-„Tosca“ angeht, so kann es wohl nicht anders als ein Casting-Glanzstück des neuen Teams gewertet werden, dass es gelang, für drei „Tosca“-Serien gleich die Netrebko, die Yoncheva und die Harteros verpflichtet zu haben, Staatsopern-standesgemäß!

Und last but not least, ja alles andere als last, die Staatsoper hat wieder einen Musikdirektor! Und zwar einen sehr guten, erfahrenen und dazu noch bescheidenen und sympathischen Künstler, Philippe Jordan. Und der auch gar nicht auf den in Wien eh nur ganz selten geführten Titel Generalmusikdirektor pochte und somit auch zeitgleich mit dem neuen Direktor anfängt. Das eröffnet nach mittlerweile fast sechs (!) Jahren des Durchhängens auf diesem so wichtigen Sektor wieder eine ganz neue Dimension. Wäre ein guter Musikdirektor in diesen vergangenen Jahren im Amt gewesen, wäre uns sicher der eine oder andere Fehlgriff erspart geblieben…

Kurzum, das neue Team verdient schon jetzt einiges Lob, und man sollte ihm mit ersten Beurteilungen weit mehr Zeit geben als die berühmten ersten 100 Tage, wohl mindestens eine ganze Saison!

Fotos: Lalo Jodlbauer

Klaus Billand