San Francisco: Parsifal - NI Anfang November 2025 (Stream)

Wagner ernstgenommen

Aus den USA kam ja einst der sog. Wokismus herüber nach Europa, der sich gesellschaftlich mit bestimmten und mittlerweile immer häufiger diskutierten Narrativen ausbreitete und sich in einer gewissen Ausprägung auch auf die Ästhetik des Opernschaffens insbesondere deutschsprachiger Opernhäuser legte. Umso interessanter ist es, dass man in den USA immer noch Opernproduktionen erleben kann, zumal auch im Wagnerfach, die den Intentionen und Motiven ihrer Schöpfer, den Komponisten also, recht nahe stehen. Sie kommen durch einen Aufführungsstil, den man in unseren Breiten bisweilen abfällig als traditionell oder gar „altmodisch“ abtun würde, zu sehr beeindruckenden szenischen und interpretatorischen Lösungen. Diese verlangen gerade den Opernliebhabern und Rezensenten, die die Wagner-Rezeption schon über ein halbes Jahrhundert beobachten, immer wieder Bewunderung ab.

So geschah es nun wieder mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners Abschiedswerk „Parsifal“ an der San Francisco Opera Ende Oktober/Anfang November 2025, wo das Werk seit 2000 nicht mehr aufgeführt worden war. Für Generaldirektor Matthew Shilvock ist der „Parsifal“ ein once-in-a-generation event. So suchte man die ganze Opernwelt nach einer passenden Produktion für sein Haus durch – ähnlich wie Loge im „Ring des Nibelungen“ nach einer Lösung, Walhall zu bezahlen. Da man nichts Geeignetes fand, entschloss man sich zu einer eigenen Inszenierung und übertrug die Regie Matthew Ozawa. Er bekam damit nach zuletzt „Orpheus und Eurydike“ seinen vierten Inszenierungsauftrag am War Memorial Opera House. Auch Ozawa sieht – nachvollziehbarerweise – im „Parsifal“ ein zentrales Werk der Opernliteratur. Für ihn ist die Thematisirung von Phänomenen wie menschliches Leid, Mitleid und Erlösung in Wagners Bühnenweihfestspiel zentral.

Um diese Dimensionen in seiner Interpretation darzustellen, will er nicht auf einer einzigen religiösen Deutung wie dem Christentum beharren. Stattdessen bringt der wie einst Harry Kupfer in seiner sagenhaften „Parsifal“ in Helsinki 2005 und Roland Aeschlimann in seinem Genfer „Parsifal“ 2004 christliche und heidnische Elemente wie auch Aspekte des Wagner später sehr interessierenden Buddhismus in seine Inszenierung ein. Und genau damit kommt er den Intentionen Wagners nahe und schafft mit seinem leading team – mit der Choreografin Rena Butler, dem Bühnenbildner Robert Innes Hopkins, der Kostümbildnerin Jessica Jahn und dem Licht-Designer Yuki Nakase Link – eine beeindruckende und perfekt zum Dirigat von Eun Sun Kim passende „Parsifal“-Inszenierung. Sie soll in einer gespaltenen Gesellschaft den immer größer werdenden Wunsch nach Heilung und Bestimmung ansprechen und im Zusammenwirken all dieser Inszenierungselemente die Möglichkeit der Transformation aufzeigen – durch Empathie, Mitleid und letztlich durch Kunst! Das hatte Richard Wagner im Sinn, und das zeichnet diese Produktion erfolgreich und emotional mitnehmend nach.

Die Choreographin setzt auf Figuren, die zusätzlich zu denen im „Parsifal“ vorgesehenen rituelle und an Transformation im Sinne der Regie erinnernde Bewegungen vollführen. Dabei kommen Elemente verschiedener Quellen zum Einsatz: die reduzierten und poetischen Bewegungen von Noh, bei denen Ruhe und langsame Entfaltung eine außerirdische Stimmung erzeugen; die die Seele erforschenden Impulse vom Butoh, die Transformation aus dem Körper heraus kanalisieren; und schließlich die rituellen Gesten des Christentums, das Kreuzzeichen, das sich Beugen und Niederknien, welche die Figuren in eine devote Haltung bringen. All das wurde nachdrücklich durch drei in purpurrot äußerst gemächlich agierende Tänzer sowie Tänzerinnen in der Zaubermädchen-Szene gezeigt. Der Bühnenbildner setzte ebenso auf den Aspekt der Transformation und schuf beeindruckende Verwandlungen im 1. und 3. Aufzug auf einer sich gegeneinander bewegenden Drehbühne. So bildete sich kaum merklich der Grals-Tempel aus dem heiligen Wald, und im 3. Aufzug wurde die Zerstörung der Gralswelt ebenso langsam aber bestimmt erkennbar. Das Lichtdesign spielte mit dezenten und oft changierenden Pastelltönen eine ebenfalls bedeutende dramaturgische Rolle, zumal im 2. Aufzug.

Und die Kostümbildnerin konzipierte die Kostüme je nach Aufzug in verschiedenen thematischen Bezügen, die mit der jeweiligen Figur im jeweiligen Aufzug in Einklang standen, was emotionale Entsagung und Leid; irdische Verbundenheit und Menschlichkeit; sowie Mitleid und Lernbereitschaft betrifft. Für Jessica Jahn entspricht jede der Haupt-Figuren einer dieser drei Qualitäten, was sich insbesondere an den Kostümen für Kundry und Parsifal offenbarte. Es war eine große, aber stets zu Bild und Inhalt passende Vielfalt an oftmals eindrucksvollen Kostümierungen. Und das Ganze verband Matthew Ozawa mit einer äußerst feinfühligen, auch neue Ideen zeigenden Personenregie. So sieht man einmal, wie Kundry nicht Parsifal küsst, sondern er die Kussszene ganz zärtlich beginnt. Oder bei ihrer Herzeleide-Erzählung tritt eine junge Tänzerin auf, die an seine verstorbene Mutter erinnernd mit ihm tanzt – und noch manches andere.

Soweit zum relativ komplexen theatralischen Teil. Er fand seine kongeniale Entsprechung in einem offenbar sorgfältig ausgewählten erstklassigen Sängerdarsteller-Ensemble. Brandon Jovanovich, den ich in San Francisco 2011 schon als sehr guten Siegmund erlebte, war ein Parsifal mit viel emotionalem Tiefgang, sehr gefühlvoll und bedacht in seinen Aktionen, mit guter Mimik und mit einem klangvollen, etwas dunkel timbrierten Tenor.

Tanja Ariane Baumgartner spielte bei ihrem San Francisco Opera Debut eine facettenreiche Kundry, von einer Ahasver-artig kostümierten Getriebenen über einen mütterlichen Typ (und damit nicht ganz dem Stück entsprechend) in 2. und als Geläuterte im 3. Aufzug. Baumgartner verlieh der Rolle ihren klangvollen leuchtenden Mezzo, der nur in den finalen Momenten des 2. Aufzugs an Grenzen stieß. Die Kundry hat eben eine Sopran-Tessitura. Brian Mulligan gab ganz im Sinne des Regie-Konzepts den bisweilen unmenschlich leidenden Amfortas, auch mit einem leidvollen Ausdruck in seiner ausdrucksvollen Stimme. Er vermochte stark zu beeindrucken.

Einen echten Höhepunkt bescherte Falk Struckmann als unglaublich intensiver und fast Angst einflößender Klingsor. Seine lange Lederschürze mit freiem Oberkörper vermittelte fast eine Schlachthof-Ästhetik, die er mit grimmig-mimischer Ausdrucksvielfalt noch unterstützte. Einen solch dominanten Klingsor habe ich noch nicht erlebt, der zudem mit einem dramatischen Bassbariton auch alle vokalen Facetten der Rolle ausdrucksstark auslotete. Kwangchul Yun war wieder der bewährte und hier vor allem väterlich wirkende Gurnemanz, der die große Ruhe des Gralsgebietes ausstrahlte, mit einem eindeutigen Zeichen des Christentums, dem Rosenkranz, umhangen. David Soar war ein mahnender Titurel aus dem Off mit starkem Bass.

Die Zaubermädchen sangen alle sehr gut, die Kostümierung des Damenchores wirkte allerdings an der Grenze des Kitsches und völlig unerotisch. Da hätte man andere Akzente setzten können bei der ansonst so guten Kostümarbeit. Auch die Gralsritter und Knappen waren stimmlich einwandfrei und empfahlen sich zum Teil für größere Aufgaben. Der von John Keene geleitete Chor war ein eindrucksvoller Pluspunkt des Abends mit großer Transparenz und Stimmkraft.

Eun Sun Kim, die vierte Musikdirektorin der San Francisco Opera und im Amt seit 2021, dirigierte das San Francisco Opera Orchestra mit enormer Ruhe und entsprechenden Tempi, die aber dem Geschehen auf der Bühne voll und ganz gerecht wurden, auch wenn man ein ultimatives Urteil bei einem Stream nur bedingt fällen kann. Das Vorspiel zu 1. Aufzug ließ sie fast zelebrieren. Im 2. Aufzug wurde dann größere Dynamik erzielt, aber die Randakte bestachen gerade durch die getragenen Tempi mit den dazu entstehenden Bildern.

Am Ende kommt Kundry bei der Enthüllung des Grals eine elementare Rolle zu. Anders als bei Wagner vorgesehen hält sie im Finale den Kelch mit Parsifal zusammen in die Höhe – ein großartiges symbolhaftes Zeichen für Frieden und Verständigung. Nach manchem, was man in Sachen „Parsifal“ in Europa zuletzt gesehen hat, zumal an der Wiener Staatsoper, war diese Interpretation ein wahrer Genuss und eine sinnhafte Inszenierung aus einem Guss.

Fotos: Cory Weaver / San Francisco Opera

Klaus Billand

Rechtliche Informationen

Impressum

Datenschutzerklärung