Landshut: Parsifal NI - 2. April 2026
Den Schein überwinden
Intendant mit dem leading rteam und den Sängern
Der Intendant des Landestheaters Niederbayern hat in den letzten Jahren mit der Inszenierung wesentlicher Werke von Richard Wagner Furore gemacht. Nach einem erfolgreichen „Tristan“ brachte Stefan Tilch einen durchaus beeindruckenden „Ring des Nibelungen“ im schlichten Theaterzelt bei Landshut heraus, das als ständiges Ausweichquatier zum kaum noch bespielbaren alten Haus in der Innenstadt dient. Es folgten „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ sowie nun Wagners Abschiedswerk „Parsifal“. Dieses liegt Tilch nach seiner Ansage vor dem nicht ausverkauften Haus ganz besonders am Herzen.
Und er hat sich ein hochinteressantes Regiekonzept für die Interpretation der Gralsrunde und ihre Erlösung durch Parsifal ausgedacht. Durch seinen „Freund ChatGPT“ kam er auf die Idee, dass das Nicht-Handeln, um das es in dem Stück geht, DER zentrale Begriff sei. Dass man nicht vor etwas davonläuft und eine Situation NICHT ändern muss, sondern sich mit ihr auseinandersetzt. Dann öffneten sich Räume, und die Erlösung werde möglich. Erlösung vom Samsara, dem täglichen Haben, Wollen und Müssen, was Kundry hier verkörpert. Es geht also in eine spirituelle buddhistische Richtung – um das Durchdringen des Scheins, um zum eigentlichen Sein vorzustoßen.
So zeigt Tilch die Gralsgemeinschaft als eine an Hierarchien, alten Ritualen und Verboten festhaltende und einer Welt des Gehorsams und des Betens verpflichtete Gesellschaft. Hier wird gemaßregelt, mit einem gewissen Agressionspotenzial, welches auch zu sehen ist. Klingsors Zauberwelt steht hingegen für blinden Konsum und das ewige Sehnen nach Mehr und oft nach etwas, das man gar nicht braucht.
Das zeigt er durch völlig durchgeknallte Blumenmädchen, von denen das erste schon im Vorspiel zum 2. Aufzug mitten in einem Lichtergewimmel der Reklamewände von Seoul oder Tokio wie irre auf dem Handy nach Neuem klimpert. Klingsor gießt seine Blümchen und streichelt und füttert seine Katze. Hinten steht sein – immer noch – eregierter Penis aus Wachs im Wasserglas und regt die Neugier von Kundry an. Absolut entbehrlich, wie so manches in der Klingsor-Szene!
Der Landshuter „Parsifal“ wird aber zum Beispiel dafür, wie ein gut und sinnvoll erdachtes Regiekonzept an der szenischen und dramaturgischen Umsetzung scheitert. Denn Speer und Gral sind für den Regisseur im Sinne seines Konzepts reine Gedanken. Nur Parsifal versteht am Ende, dass da gar nichts ist. So sieht man weder die Wunde des Amfortas, obwohl er auf sie hindeutet, noch den Gral, den er als Nichts gleichwohl erhebt, und auch nicht den Speer, den Parsifal, als Nichts, mit Bewegungen seiner Hände in der Luft simuliert. Das wirkt vor allem im Finale nach „Nur eine Waffe taugt…“, wo gerade der Speer so intensiv thematisiert wird, unglaubwürdig und verkommt zu einer unfreiwillig komischen Pantomime. Verstehen konnte das im Prinzip nur jemand, der den entsprechenden Aufsatz im Programmheft gelesen hatte.
Das Bühnenbild von Thomas Dörfler war hingegen sehr ansprechend und passend. Bunte, bisweilen zu bunt leuchtende gotische Säulen deuteten den Tempel an und formten auch den heiligen Wald. Wesentliches Symbol war die Lotusblüte, die „aus dem Matsch zu großer Schönheit wächst“. Ursula Beutler schuf sehr attraktive Kostüme mit fernöstlichem Touch. Sunny Prasch sorgte für eine lebhafte Choreografie, und Florian Rödl steuerte vor allem im Vorspiel teilweise unpassende Videos bei.
Unter den Sängern ragten Stephan Bootz mit seinem dunklen und charaktervollen Bassbariton sowie Yamina Maamar als sehr musikalische und agile Kundry mit schön abgedunkeltem Timbre heraus. Peter Tilch, Bruder des Intendanten, gab einen intensiven Amfortas. Hans-Georg Wimmer konnte als Parsifal mit mangelndem tenoralem Glanz bei zu viel Druck und wenig Charisma nicht recht überzeugen.
Basil H. E. Coleman leitete die Niederbayerische Philharmonie mit guter Wagner-Erfahrung, aber bisweilen zu laut. Unnatürlich laut klangen die Stimmen der Solisten, die erneut durch Microports verstärkt wurden – ein vokaler Begleitumstand in Landshut, der auch schon im „Ring“ nachteilig auffiel und angesichts des Größe des Zeltes unnötig erscheint. Schade, das man darf zweiter beharrt.
Fotos: Peter Litvai 2-6; K. Billand 1, 7-8
K. Billand
YouTube podcast unter: https://www.youtube.com/watch?v=X1_dvdHyT24





