Santa Cruz de Tenerife: Adiós a la bohemia Pr. – 5. November 2025

Liebenswerte Ópera chica

Seitdem José Luis Rivero Plasencia als Künstlerischer Direktor die Leitung der Ópera de Tenerife übernommen hat, gibt es hier eine ausgezeichnete Auswahl an Mainstream-Oper, weniger bekannten Stücken, zumal in Spanien, und echten Ausgrabungen. Über einige ist an dieser Stelle schon berichtet worden, und die Ópera chica, die Kurzoper „Adiós a la bohemia“ des insbesondere für seinen großen Einfluss auf die Entwicklung der spanischen Zarzuela bekannten baskischen Komponisten Pablo Sorozábal (1897-1988) wurde Anfang Dezember zu einem weiteren Glied in dieser Kette des für eine Opernbühne auf den Kanaren ungewöhnlichen, aber ein immer größer werdendes Publikum anziehenden Programms.

Sorozábal arbeitete für diese 1933 in Madrid uraufgeführte Kurzoper sehr eng mit dem Librettisten Pío Baroja zusammen. Dieser spielt auch eine bedeutende Rolle in der Oper, denn es gibt ein fast 40minütiges Vorspiel, in dem sich Komponist und Librettist in einem etwas heruntergekommenen, aber mit klassischen Aperçus bestückten Café (Bühnenbild Alejandro Contreras) in einem ärmeren Stadtviertel von Madrid über die Entstehung dieser Oper unterhalten. Das ermöglicht in der Regie von Ignacio Gracia bereits zu Beginn interessante und teilweise auch tiefe Einblicke in die Oper, die sich anders als bei „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss pausenlos mit etwa 50 Minuten anschließt.

Juan Calot spielt den in die Jahre gekommenen Librettisten Pío Baroja mit beeindruckender Persönlichkeit und viel Emotion in der Orientierung seines Partners Sorozábal, der von Juan Laínez gespielt wird, der später noch eine tenorale Nebenrolle singt. Wir erfahren somit schnell, das es in dieser Ópera chica um eine intime, ja fast minimalistische Produktion mit viel Melancholie und vorwiegend bedauernden Rückblicken auf eine – vermeintlich – bessere Vergangenheit, die eines glücklichen Lebens als Bohemiens, dem man nun Lebewohl sagt. Es gibt aber auch Momente des Humors und solche die aufzeigen, wohin das Leben von Menschen in diesem Ambiente führen kann, die erfolglos für ihre Träume kämpfen, ihre Frustrationen und die Marginalisierung, die damit einhergeht. Die Kostüme von Ana Ramos passen im wahrsten Sinne des Wortes bestens ns Bild.

Die Musik von Pablo Sorozábal in der folgenden Oper, dirigiert Victor Pablo Pérez mit dem Orquesta Sinfónica de Tenerife sehr einfühlsam, facettenreich und auf die vielen subtilen Momente in der Partitur eingehend. Sie spiegelt die Stimmungen und vor allem die Emotionen der Protagonisten wider. Oft mit einem ironischen Unterton erklingen Romanzen, Duette, Habanera und andere Referenzen and die Folklore. Es sind aber auch Elemente der deutschen Oper zu hören, wo der Komponist eine Zeitlang weilte und sich mit Schopenhauer befasste und auch Werke von Kurt Weill hörte und in seine Kompositionen verarbeitete. Der Coro Titular Ópera de Tenerife-Intermezzo sang wieder auf dem gewohnt hohen Niveau.

Das Liebespaar in der Oper erinnert natürlich an Rodolfo und Mimi aus der „Bohème“ von Giacomo Puccini. Eine zu Ende gegangene Liebe wird hier noch einmal reflektiert von der mit einem leuchtenden Sopran als Trini singenden Jaqueline Livieri und dem kraftvollen Bariton Juan Jesús Rodriguez als Ramón. Der Tenor David Barrera macht dem romantischen Beisammensein der beiden ein jähes Ende, indem er seine neue Freundin ganz profan mit der Zigarette im Mundwinkel abschleppt. Der Vagabundo des pointiert singenden Bassisten Javier Castañeda, ein armer Sandler, singt zu Beginn und am Ende verzweifelt über die Probleme der Menschen und hofft, es wäre doch alles nur ein Traum… Damit ist die ganze Stimmung dieser zeitweise ans Herz gehenden Ópera chica auf den Punkt gebracht.

Fotos: Auditorio de Tenerife / Miguel Barreto

Klaus Billand

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