Halle (Saale): Das Spielwerk und die Prinzessin - Premiere 11. April 2026

Interessante Ausgrabung

Bühnen Halle

Bühnen Halle

Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum der Gründung der Staatskapelle Halle, also der Fusion von Philharmonie und Opernorchester, kam die Oper Halle unter ihrem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon mit Franz Schrekers äußerst selten gespielter Oper „Das Spielwerk und die Prinzessin” in der Regie von Nele Lindemann heraus. Es war ihre erste Opernregie überhaupt. Und um es gleich zu sagen, es wurde ein großer Erfolg trotz ebenfalls großer Herausforderungen.

Foyer mit Gemälden von Karl-Heinz Köhler

Foyer mit Gemälden von Karl-Heinz Köhler

Zana Bosnjak war für die ebenso lebhafte wie facettenreiche Ausstattung verantwortlich, wobei insbesondere die Kostüme viel Phantasie dokumentierten. Bosnjak war mit Piero Glina auch für die bisweilen das Geschehen allzu sehr beherrschenden Videos zuständig. Henrik Aleith führte die Kamera, und Michal Sedláček sorgte für eine vielfach unkonventionelle Choreographie.

Thomas Weinhappel als Florian

Thomas Weinhappel als Florian

Franz Schreker arbeitete an dem Werk von 1908-1912, als er sich an einem Wendepunkt seiner Karriere befand, für ihn eine Zeit des Aufbruchs und der künstlerischen Verdichtung. Damals fand er zu der Klangsprache, mit der er in den 1920er Jahren zu einem der meistgespielten Musiktheater-Komponisten in Deutschland werden sollte. Schreker nähert sich mit dem „Spielwerk“ einer Opernform, in der Musik, Szene, Bewegung und Bild aus einem einzigen gestalterischen Impuls hervorgehen. Dazu schrieb er auch noch das Libretto selbst. Man kann also sagen, dass der Komponist sich mit dem „Spielwerk“ auf Richard Wagners Vorstellungen des Gesamtkunstwerks bewegt.

Yulia Sokolik als Liese

Yulia Sokolik als Liese

Nachdem die Uraufführung von „Der ferne Klang“ 1912 in Frankfurt Franz Schreker schlagartig berühmt gemacht hatte, erlebte „Das Spielwerk und die Prinzessin“ seine Uraufführung gleichzeitig in Frankfurt und Wien im Jahre 1913 mit keinem vollen Erfolg. In Wien wurde das Werk mit starken Reaktionen aufgenommen. Schreker hielt aber an seiner eigenen Vision fest, auch wenn sie Irritationen hervorrief. Er arbeitete weiter an dem Stoff und brachte 1920 in Frankfurt eine konzentrierte Einakter-Fassung heraus.

Prinzessin und Kastellan

Prinzessin und Kastellan

Gegen Ende der 1920er Jahre geriet seine Musik zunehmend unter politischen und ideologischen Druck. Die Nazis drängten ihn schließlich aus all seinen Ämtern und erklärten seine Musik für entartete Kunst. Das kostete die Rezeption des Schrekerschen Oeuvres Jahrzehnte. Es war sehr lange nicht mehr im Repertoire zu finden. Im „Spielwerk und die Prinzessin“ erleben wir jedenfalls einen Komponisten, der an die Macht des Musiktheaters glaubte, trotz aller Spannungen, die seine Kunst ausmachte, die Nähe von Schönheit und Gefahr, die Verlockung des Klangs und die Zerbrechlichkeit jeder Verheißung.

Prinzessin und junger Bursche

Prinzessin und junger Bursche

Franz Schreker kam zu dem Stoff, als er zunächst einen Zeitungsartikel über einen greisen, berühmten Violinvirtuosen gelesen hatte, der irgendwo in Spanien in ein kleines Dorf zurückkehrte. Er spielte den Bewohnern, nachdem sie ihn herzlichst empfangen hatten, tiefbewegt auf der Violine all seine Weisen vor. Der Komponist las dies an einen Sommerabend im Wiener Grinzing, wo er den Künstler in ein Schloss eintreten sah, in jünglingshafter Gestalt, aber ein Greis.

Prinzessin mit jungem Burschen

Prinzessin mit jungem Burschen

Auf einem rauschhaften Fest später in Wien erlebte Schreker zunächst viele Musikkapellen, Glockengeläut und eine brausende Menge, wie er in den „Musikblättern des Anbruchs“ 1920 schreibt. Da brach die Menschenmenge plötzlich in Panik aus, und alles endete in einer Katastrophe, ähnlich wie in seiner Oper „Das Spielwerk und die Prinzessin“. Nur knapp entkam er der Lebensgefahr. Hier liegen wohl die Wurzeln für die Spannung des Stücks zwischen Klangzauber und Massenbewegung, Verheißung und Gefahr, Fest und Absturz.

Florian, Wolf und Liese

Florian, Wolf und Liese

Das auf die Bühne zu bringen, ist nahezu ein Kunststück, welches das Regieteam in Halle mit sehr guten Sängerdarstellern und einem äußerst präsenten Chor, von Frank Flade geleitet, bei vollem Haus gelang.

Prinzessin mit jungem Burschen

Prinzessin mit jungem Burschen

Kurz zum Inhalt: Meister Florian arbeitet an einem geheimnisvollen Spielwerk, das die Menschen in positivem wie negativem Sinne beeinflussen kann und damit in Grenzsituationen bis zum totalen Kontrollverlust bringt. Man denkt sofort an die sozialen Medien, an die Algorithmen und natürlich an die Künstliche Intelligenz unserer Tage. So sehen viele in Florian einen Hexenmeister, der zudem noch die von ihm verstoßene Liese zurückweist, als sie ihn um Hilfe für den sterbenden gemeinsamen Sohn bittet.

Franziska Krötenheerdt als Prinzessin

Franziska Krötenheerdt als Prinzessin

Die Prinzessin ist krank und sehnt sich nach einem rauschhaften Fest, in dem Klang, Ekstase und Tod ineinander fallen. Ein wandernder Bursche träumt von ihr und gewinnt ihre Nähe, sodass sie mit ihm fliehen will. Das Spielwerk beginnt erneut zu wirken und versetzt das Volk in eine kollektive Ekstase. Am Ende zerstört das Volk Florians Haus und das Spielwerk. Die Oper endet wie Schrekers Erlebnis in Wien in einer Apokalypse.

Thomas Weinhappel

Thomas Weinhappel

Thomas Weinhappel ist ein äußerst engagierter und stimmgewaltiger Florian mit klangvollem Bariton und großem Charisma. Seine Stimme weist nach einer Entwicklung zum schweren Fach klar in Richtung Wagner. Den Telramund sang er schon an der Nationaloper Sofia, den „Walküre“-Wotan auch schon konzertant.

Franziska Krötenheerdt

Franziska Krötenheerdt

Franziska Krötenheerdt spielt eine von der Krankheit stark gezeichnete Prinzessin mit facettenreichem Sopran und beeindruckender darstellerischer Ausdruckskraft in ihrer prinzipiell misslichen Lage.

Applaus Protagonisten

Applaus Protagonisten

Chulhyun Kim gibt den wandernden Burschen mit kraftvollem Tenor, etwas zu zurückhaltend im Spiel. Yulia Sokolik verkörpert die Liese hochemotional mit ihrem kraft- und klangvollen Mezzo. Sie ist ein großartiger weiblicher Kontrapunkt zur Prinzessin. Ki-Hyun Park gibt einen äußerst engagierten Wolf, und Michael Zehe singt den Kastellan mit einem etwas zu rauen Bass

GMD mit Orchester im Hintergrund

GMD mit Orchester im Hintergrund

Die Musik Schrekers spiegelt die spätromantische Zeit wieder, weist aber auch schon auf die Moderne hin. Verschiedene Klangwelten treffen aufeinander und finden laut GMD Fabrice Bollon doch zu einem Zusammenhang, der das Werk trägt. Manchmal klingt der späte Wagner an, auch Richard Strauss ist zu hören. Nahezu monumental wirkt die Musik in den Orchesterzwischenstücken. Besonders eindrucksvoll ist der auch an Instrumentenanzahl erhöhte Streicherklang, der bisweilen große Ruhe in das ansonsten meist dramatische Getümmel auf der Bühne bringt. Die Staatskapelle Halle spielt unter Bollon in Hochform!

Das Regieteam

Das Regieteam

Ein Stück, das man zwei bis dreimal sehen sollte, um es wirklich ganz zu verstehen… In jedem Fall eine ganz große Leistung der Bühnen Halle!

Fotos: Anna Kolata 3-10; K. Billand 1-2, 11-15

Klaus Billand

Moderne ab ca. 1925 bis heute

Rechtliche Informationen

Impressum

Datenschutzerklärung